Auszeit, Entspannung
Reisenotizen #02: Wenn ein Wort und ein Flackern alles verändern

Journalistin und Bestseller-Autorin Waltraud Hable lebt seit sechs Jahren aus dem Koffer und ohne festen Wohnsitz. Für die LoungeFM-Community schreibt sie über Momente, in denen sich die Fremde plötzlich nach Zuhause anfühlt.
Stell dir vor, die Weihnachtszeit naht und du kennst keine Menschenseele an dem Ort, an dem du gerade bist. Alle eilen von Geschäft zu Geschäft, um kleine Geschenke für ihre Lieben und ihre Familie zu kaufen. Man schnappt auf der Straße Wortfetzen zu den Feiertagsplänen auf …
„Dieses Jahr feiern wir bei uns …“
„Ich hoffe, die Kekse werden heuer besser als letztes Jahr“ …
„Wir haben endlich den perfekten Christbaumschmuck gefunden …“
Ein Zauberwort mit 5 Buchstaben, das Türen öffnet
Man steht nur und beobachtet, wie die Welt sich auf etwas Gemeinsames zubewegt – nur man selbst scheint kein Teil davon zu sein. Oder vielleicht: noch nicht. Denn bevor jetzt jemand mitleidig denkt, wie einsam das klingen muss, möchte ich eine kleine Geschichte erzählen. Sie handelt davon, dass man manchmal einfach über seinen Schatten springen muss. Und dass Zuhause auch dort sein kann, wo nur ein winziges Licht flackert. Aber der Reihe nach …
Wann immer ich neu an einem Ort bin, hat mich das Leben gelehrt: Es gibt ein Zauberwort, das schnell Verbindung schafft und Türen öffnet – unabhängig vom Land, der Sprache oder Alter. Dieses magische Wort lautet Hallo. Und idealerweise kommt es in Begleitung eines Lächelns.
Das Hallo muss nicht immer laut ausgesprochen werden. Sich Fremden vorzustellen erfordert manchmal mehr Mut, als man gerade hat. Oft genügt es schon, ein digitales Hallo auszusenden – etwa als kleinen Beitrag in einer lokalen Social-Media-Gruppe: „Hallo, ich kenne niemanden hier, aber vielleicht mag jemand ja dieselben Dinge wie ich? Oder vielleicht kann ich jemandem mit dem, was ich zu bieten habe, helfen?“
Durch die Kraft dieses kleinen Hallos war ich bisher nie einsam. Nicht an Weihnachten. Nicht an Geburtstagen. Nie.
Einsam ist nur, wer einsam bleiben will
Natürlich ist man manchmal allein – das gehört zum Reisen wie der Himmel zum Horizont. Aber einsam? Einsam ist nur, wer es bleiben will. Ich kann berichten: Jedes Mal, wenn ich einen Schritt auf andere zu gemacht habe, war ich schnell umgeben von wunderbaren Menschen. Menschen, die wenige Stunden zuvor noch Fremde waren. Und oft, ohne dass es geplant war, zu Freunden wurden.
Denn am Ende wollen wir alle dasselbe: Wir wollen gesehen und gehört werden.
Nicht nur an Weihnachten.
Und das Fest selbst? Lässt sich auch ohne Baum feiern.
Eine Kerze reicht. Manchmal genügt genau dieses warme, weiche Flackern, um alles ins rechte Licht zu tauchen und den Moment in einen magischen zu verwandeln.

