Entspannung, Genuss, Pleasure
Leise Literatur mit scharfem Blick! Das Café ohne Namen

Robert Seethaler gehört zu den Autoren, die nicht laut werden müssen, um zu treffen. Seine Sprache ist klar, oft beinahe schlicht – und gerade deshalb so wirkungsvoll. Seethaler schreibt über Menschen, die selten im Rampenlicht stehen: Arbeiter, Heimkehrer, Wirtshausgäste, Nachbarn, die man im Stiegenhaus grüßt und doch kaum kennt. Was bei anderen banal wirken könnte, wird bei ihm zum literarischen Brennglas: das Alltägliche, das Schlichte, das scheinbar Nebensächliche.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – geht es bei Seethaler nie nur um „Gemütlichkeit“. Unter der Oberfläche lauert etwas: Müdigkeit, Neid, Einsamkeit, Gewalt, Scham, das Wegschauen. Seine Figuren sind nicht „gut“ oder „böse“, sondern menschlich, und das heißt: widersprüchlich.
Lesetipp: „Das Café Ohne Namen“ – Wärme, die erst im Dunkeln sichtbar wird
Mit „Das Café Ohne Namen“ führt Seethaler ins Wien der Nachkriegszeit, in ein Viertel, das sich langsam aufrappelt – und in dem ein Café zum Treffpunkt wird. Ein Ort, der nach außen hin simpel erscheint: ein paar Tische, Kaffee, Gespräche. Doch gerade in dieser Schlichtheit zeigt sich, was Seethaler so gut kann: Er macht spürbar, wie dünn die Schicht ist, die Ordnung von Chaos trennt.

Nähe und Abgründe
Denn dieses Café ist nicht nur Bühne für Nähe, sondern auch für das, was Menschen verstecken: kleine Gemeinheiten, große Enttäuschungen, unerzählte Geschichten, Abgründe, die plötzlich aufreißen. Seethaler zeigt, wie banal das Dunkle oft daherkommt – nicht dramatisch inszeniert, sondern als Teil des Gewöhnlichen: ein Satz zu viel, ein Blick, der hängen bleibt, ein Schweigen, das alles sagt.
Die Schönheit des Romans
Und genau hier liegt die Schönheit des Romans: Sie erscheint nicht als romantische Verklärung, sondern als kurzer, echter Moment, der sich erst dann wie etwas Kostbares anfühlt, wenn man sieht, wogegen er besteht. Ein Lächeln, das nicht selbstverständlich ist. Eine Geste, die mehr bedeutet als sie kostet. Ein bisschen Zugehörigkeit, das nicht kitschig, sondern hart erarbeitet wirkt.
Warum lesen?
Weil „Das Café Ohne Namen“ zeigt, dass das Leben oft gleichzeitig banal und brutal ist – und dass Hoffnung nicht glänzt, sondern sich manchmal nur als Trotz bemerkbar macht. Ein Roman, der Wärme hat, aber keine Illusionen.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – geht es bei Seethaler nie nur um „Gemütlichkeit“. Unter der Oberfläche lauert etwas: Müdigkeit, Neid, Einsamkeit, Gewalt, Scham, das Wegschauen. Seine Figuren sind nicht „gut“ oder „böse“, sondern menschlich, und das heißt: widersprüchlich.
Fotocredit: Ullstein Verlag

