Vergangenheit versus Moderne. Das heimische Quartett 78plus vermengt alten Schlager mit zeitgenössischen elektronischen Klängen

LoungeFM: Sprechen wir ein wenig über Euren Werdegang. Woher kennt Ihr Euch, seit wann macht Ihr gemeinsam Musik?

78plus: Die Urbesetzung waren Guenther Berger und Stephan Sperlich. Wir kennen einander vom Studium der Elektroakustik an der Musikuni. Anfangs war 78plus eher ein experimentell-elektronisches Projekt beziehungsweise überhaupt ein Kollektiv aus Musikern und Videokünstlern. Zur Band wurde es erst später. Als wir uns für einzelne Auftritte ein Schlagzeug wünschten, war Erwin Schober die erste Wahl, da Stephan mit ihm schon seit dem Alter von 15 Jahren in verschiedensten Bands gespielt hat. Philipp Moosbrugger, der Bassist, kam über Erwin zur Band. Mit Kontrabass und seiner Leidenschaft für die Tanzmusik der 20er und 30er Jahre war er die perfekte Ergänzung für die Band. Somit war die Rhythmus-Sektion komplett.

LoungeFM: Um es gleich zu Beginn richtig zu stellen: Ist es überhaupt korrekt, Euch als Quartett zu bezeichnen? Ihr seid wohl zu viert auf der Bühne, aber Eure Website nennt weit mehr Bandmitglieder.

78plus: Mittlerweile ist Quartett nicht mehr ganz falsch, da sich die fixe Besetzung über die Zeit so herauskristallisiert hat. Anfangs waren Visuals fester Bestandteil der Konzerte und die Auftritte hatten eher Performance-Charakter. Im Laufe der Zeit entwickelte sich 78plus dann aber mehr und mehr zur Live-Band mit Songs und dazu produzierten Musikvideos. So ergaben sich Kooperationen mit Videokünstlern wie „ZiErKusS” (Christoph Parzer und David Zuderstorfer), „einiges” (Harald Scherz) oder „Sakgayo” aus Südkorea.

Stefan Ehgartner ist der Mann für den soundtechnischen Feinschliff. Er betreut uns sowohl bei den Konzerten als auch bei der Arbeit im Studio. Auf dem letzten Album „Wandelwelt” ist er übrigens auch als Gitarrist zu hören.

LoungeFM: Euer Name 78plus ist eine Reminiszenz an die Ära der Schellackplatte. Erklärt uns bitte die Bedeutung Eures Namens und in Hinblick auf jüngere Hörende auch, was denn eine Schellack überhaupt ist und was das mit 78 zu tun hat.

78plus: Schellackplatten sind die Vorläufer der Vinylschallplatte. Sie waren von den 1920ern bis in die 1950er das Hauptverbreitungsmedium für Musik. Sie drehen sich im Gegensatz zur Vinylplatte nicht 33 oder 45-mal in der Minute, sondern 78-mal.

LoungeFM: Alte Schellacks sind die Ausgangsbasis für Eure musikalische Arbeit, alte Schlagerklänge sind unüberhörbar die Grundlage Eurer Stücke. Wie seid Ihr denn auf die Idee gekommen, damit zu arbeiten?

78plus: Als Elektroakustiker ging es uns anfangs primär um den Klang der Schellacks, um die Beschäftigung mit dem Medium an sich, insbesondere im Kontrast zu digitaler Bearbeitung. Allein schon die tausenden verschiedenen Arten von Rauschen und Knistern - ein Traum für jeden Klangtüftler! Erst durch die Beschäftigung damit wurde uns bewusst, was für eine Welt an Musik sich da auftat: Nicht nur die Entstehung des Jazz, sondern die Entstehung der Popularmusik überhaupt wurde plötzlich nachvollziehbar. Außerdem hat die Schellack durch ihre auf circa drei Minuten begrenzte Spieldauer pro Seite bis heute das Format des Songs geprägt.

LoungeFM: Wie kommt der Schlager in Eure Stücke? Verbringt Ihr Eure Tage damit, Euch durch alte Schellacks zu hören?

78plus: Teilweise ist das tatsächlich so, allerdings passiert das oft ein bisschen unbewusst, da wir die Schellacks schon digitalisiert haben und dann einfach auf CD oder im Mp3-Player durchhören. Dabei sticht immer wieder etwas Besonderes ins Ohr, das sich samplen lässt. Oft ist das nur ein einzelner Klang oder Akkord, manchmal eine kurze Phrase oder ein Groove, aber nie eine komplette Melodie. Letzteres würde unserer Ethik des Samplens widersprechen, schließlich wollen wir ja etwas Eigenständiges komponieren. Das hat auch mit Respekt gegenüber der Musik beziehungsweise den Musikern und Musikerinnen zu tun, die wir samplen. Die Schellacks sind also eine Klangbibliothek, aus der wir elektronische „Instrumente” bauen, mit denen wir dann Songs schreiben. Der Begriff „Instrumente” ist hier virtuell gemeint, das heißt, wir legen die Samples auf eine Klaviatur und spielen sie wie “Noten”.

LoungeFM: Wie bezeichnet Ihr denn den Stilmix, den Ihr produziert, die Musikrichtung, die Ihr da kreiert habt?

78plus: Da wir uns beim Komponieren vom Material leiten lassen, sind unsere Nummern stilistisch mitunter recht unterschiedlich. Jedes Sample verlangt durch seinen eigenen Groove, die Stimmung oder den Sound ganz einfach nach einem bestimmten Rhythmus oder einer bestimmten Bassline. Natürlich steuern wir da viel, aber zugleich wollen wir die dem Material innewohnende Kraft nicht unterdrücken. Der Grundkontext, in dem unsere Musik entsteht, liegt irgendwo zwischen Pop, House, Electro, Drum & Bass, Chanson, Swing und Jazz. Aber natürlich tun auch wir uns schwer, das Ganze in eine Schublade zu stecken. Wer will, kann Pop dazu sagen, aber schon die Frage, ob das nun elektronisch oder akustisch ist, ist schwer zu beantworten.

LoungeFM: Was kommt bei der Live-Performance vom Computer, was spielt Ihr selbst?

78plus: Das ist auch von Song zu Song unterschiedlich. So viel wie möglich passiert live, da ja die Schellack-Samples eine instrumentale Funktion haben, wie es bei anderen Bands etwa die E-Gitarre hat. Schlagzeug und Bass sind sowieso live und Guenther unterzieht seinen Gesang auch auf der Bühne diverser Bearbeitungen. Bei komplexeren Arrangements muss natürlich der Computer ein bisschen mehr übernehmen, aber es besteht immer voller Zugriff auf alle Sounds und diese werden auch live bearbeitet. In letzter Zeit tendieren wir aber immer mehr dazu, alles mit der Hand zu spielen, also Samples auf Tasten des Controllergeräts zu legen und das Ganze durch einen Gitarrenverstärker zu schicken.

LoungeFM: Wer ist für die Texte verantwortlich?

78plus: Wir arbeiten hier ähnlich wie mit der Musik, lassen uns gern inspirieren - sei es von alten Texten oder Ideen, die uns Kollegen zur Verfügung stellen - und bearbeiten diese weiter. Viel schreiben Guenther und Stephan aber auch selbst.

LoungeFM: Hört man sich Eure Stücke aufmerksam an, so merkt man, dass auch die Texte eine Mischung aus Altem und Neuen sind. Der Text zu „Sie will” könnte schon tatsächlich an die 80 Jahre alt sein, andere Stücke erzählen von Aphex Twin und Excel-Tabellen. Gibt es eine inhaltlich verbindende Klammer, wollt Ihr mit euren Texten etwas ausdrücken?

78plus: Unserer Meinung nach sollten diejenigen, die Texte schreiben, auch etwas zu sagen haben. Zwar ist der Klang der Worte genauso wichtig, aber eine gewisse Aussage ist immer vorhanden, sei sie auch noch so abstrakt. Beim ersten Album „Im Denkturm” (2005) ging das mehr in eine politisch-sozialkritische Richtung, beim zweiten Album „Wandelwelt” (2008) gab es sogar ein Thema, das sich durch alle Stücke zog, nämlich das Verhältnis von Mensch und Technik, das bei 78plus ja auch auf musikalischer Ebene relevant ist.

LoungeFM: Bei Euren Auftritten spielen Visuals meistens eine große Rolle. 78plus hat gleich vier visuals artists in der Band. Was können sich Zuhörer und Zuhörerinnen diesbezüglich erwarten?

78plus: Wie schon oben erwähnt, ist die Zusammenarbeit mit den Videokünstlern projektbezogen, das heißt, sie sind nicht immer bei den Konzerten dabei. Früher, als wir noch nicht so oft gespielt haben, hatten wir eigens geschneiderte weiße Anzüge als erweiterte Projektionsfläche. Allerdings sind die technischen Anforderungen für Performances solcher Art recht hoch und nicht an allen Veranstaltungsorten sind ausreichende Möglichkeiten gegeben. Zudem haben wir festgestellt, dass die Musik auch für sich funktionieren kann, und wir sind - wie oben bereits erwähnt - im Laufe der Zeit vom offenen, multimedialen Kunstprojekt zur Band geworden. Wir werden allerdings auch weiterhin in unterschiedliche Richtungen weiterarbeiten. So gab es in den vergangenen Jahren zum Beispiel eine Live-Vertonung eines Stummfilms oder zuletzt eine gemeinsame Theaterproduktion mit dem aktionstheater ensemble aus Wien.

LoungeFM: 2008 ist Euer bis dato letztes Album „Wandelwelt” erschienen, wann kann man mit neuem Material rechnen?

78plus: Da sind wir gerade dran! Es gibt zwar noch keinen genauen Masterplan, aber wir werden 2010 definitiv etwas herausbringen. Was genau das sein wird, entscheidet sich noch, ein Release als Download only oder als Vinyl in Verbindung mit Downloadcode erscheint uns aus der jetzigen Perspektive am wahrscheinlichsten.

LoungeFM: Aktuell steuert Ihr die Musik zu dem Theaterstück „Welche Krise?” des aktionstheater ensemble bei, das im März auch in Wien im 3raum - Anatomietheater gezeigt wird. Könnt Ihr uns kurz umreißen, worum es in diesem Stück geht und wieso Ihr bei „Welche Krise” für die musikalische Untermalung sorgt?

78plus: In „Welche Krise?” geht es um das Gelingen und Scheitern von Lebensentwürfen. Die Schauspielerinnen erzählen aus ihren Biografien, im Verlauf des Stücks wird unversehens eine Handlung erkennbar, wo sich bestimmte Erzählungen an einem Punkt treffen, um dann plötzlich wieder in eine ganz andere Richtung zu gehen und vielleicht an früheres Geschehen anzuknüpfen. Unsere Musik ist keine bloße Untermalung, sondern treibt diese Dramaturgie voran, indem wir nicht einfach Zwischenmusik einstreuen, sondern Teil der Handlung sind. Der Kontakt zum aktionstheater ensemble entstand durch Stephan, der schon davor als Komponist und Musiker bei Produktionen der Theatergruppe mitgewirkt hat.

LoungeFM: Erwartet Zuseher und Zuseherinnnen dort der „typische” 78plus-Sound oder darf mit Überraschungen gerechnet werden?

78plus: Mit Überraschungen muss bei uns immer gerechnet werden! Natürlich arbeiten wir mit unseren bewährten Mitteln, doch wir sind immer bestrebt unseren Sound weiterzuentwickeln. Theatermusik stellt andere Anforderungen an die Musiker als ein Konzert oder eine Studio-Session: Es gilt schnell zu reagieren, in Interaktion mit den Schauspielenden zu treten, tieferliegende Ebenen des Geschehens zu zeigen…

LoungeFM: Was macht Ihr abseits der Musik beziehungsweise abseits von 78plus?

78plus: Wir sind alle im Hauptberuf Musiker, arbeiten also selbstständig, da bleibt eigentlich kaum Zeit für anderes. Wie die meisten Musiker sind auch wir Teil einer größeren Community, aus der viele verschiedene Projekte hervorgehen, wobei manche Musiker gleich in mehreren Gruppen vertreten sind.

Stephan betreibt Bands wie Elektro Farmer (mit Philipp), MANN ÜBER BORD! (mit Erwin), Blind Idiot Gods und Playbackdolls und spielt bei Roland Neuwirths Extremschrammeln als Live-Elektroniker.

Guenther beschäftigt sich viel mit Field Recordings und deren elektroakustischer Bearbeitung und arbeitet in avancierten Projekten (zum Beispiel Filmvertonungen mit der Künstlergruppe ZiErKusS) oder als Live-Elektroniker bei Improvisations-/Tanz-/Performance-Ensembles wie Change Faces, soon I/O und Tiempo Libre.

Erwin arbeitet neben seiner Tätigkeit als Schlagzeuger bei diversen Bands auch als Musiker am Burgtheater Wien und beschäftigt sich mit Grafik- und Webdesign (vor allem für die eigenen Projekte).

Philipp spielt als Bassist bei Fatima Spar and The Freedom Fries (mit Erwin) und Tini Trampler & Die Dreckige Combo, kommt immer wieder in diversen Jazz-Projekten (zum Beispiel Wladigeroff Brothers) zum Einsatz und ist zudem ein gefragter DJ.

LoungeFM: Was motiviert Euch, Musik zu machen?

78plus: Im Endeffekt ist es so, dass der Spaß am Musikmachen und die Leidenschaft für Musik noch immer den Schattenseiten der künstlerischen Selbstständigkeit im Allgemeinen und des Musikbusiness im Speziellen (Stichwort: Selbstausbeutung, prekäre Verhältnisse) überlegen sind. So lange das so bleibt, ist keine extra Motivation notwendig. Und wir haben alle irgendwann einmal festgestellt, dass irgendwelche anderen Jobs für uns einfach keinen Sinn haben.

LoungeFM: Was soll die Zukunft für Euch bringen?

78plus: Wie wahrscheinlich jeder und jede Musikschaffende, wünschen wir uns, in Ruhe das tun zu können, was uns interessiert, die dafür nötige Infrastruktur aufzubauen und das Ganze letztendlich auf eine solide Basis zu stellen. Dazu würde wohl ein eigenes Studio gehören, aber auch gute Leute für Management und Booking. Außerdem wäre es schön, mehr außerhalb von Österreich aufzutreten.

LoungeFM: Und noch eine Abschlussfrage: Was tut Ihr gegen Stress im Allgemeinen, wie erholt ihr euch?

78plus: Ganz einfach: Wir machen Musik.­