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Musik

„Last Christmas“ – das nervtötende musikalische Meisterwerk

Von Kristin Natalie Urbanek am 5. Dezember 2017

Gerade kurz vor Weihnachten haben viele die Nase voll von „Last Christmas“ Kein Wunder, denn es ist das meistgespielteste Weihnachtslied überhaupt und zugleich auch das nervigste. Die einen lieben es, die anderen hassen es. Aber es gibt fast niemanden, der diesen Song nicht kennt. Den Refrain können wir sicherlich alle mitsingen, was ist aber mit den Strophen? Versuchen Sie es ruhig! Und, falls es nicht klappen sollte – keine Sorge, denn „Last Christmas“ ist tatsächlich ein komplexes Meisterwerk.

Die Gründe für die äußerst polarisierende Wirkung des 1984 erschienen Werkes sind schnell gefunden: Die tragende Melodie geht in ihrer Lieblichkeit schnell an die Schmerzgrenze, die Arrangements klingen für heutige Ohren wie ABC-Geklimper auf einem Nikolaus-Keyboard. Wie auch immer: Viele Menschen lieben es, viele hassen es, aber jeder – und wirklich jeder – kennt es. Zumindest glaubt jeder, es zu kennen. Ein großer Trugschluss!

Denn bis auf den Refrain können die meisten den Song nicht nachsingen. Sie stolpern und stolpern über die Strophen, bis sie schließlich passen müssen. Während der „Last Christmas“-Refrain in seiner genialen Schlichtheit für das normale Ohr sofort zu erfassen ist, handelt es sich bei den beiden Strophen um äußerst komplexe Gebilde, die jede Art von Eingängigkeit und Wiederholung vermeiden.

Hört man in die Strophen hinein, fällt die unkonventionelle Melodieführung auf, die keine Parallelen zum Refrain aufweist – obwohl die Instrumentierung praktisch identisch bleibt und sogar die Akkorde („Last Christmas“ besteht ausschließlich aus D-Dur, h-Moll, e-Moll und A-Dur) unverändert bleiben.

Große Gegensätze

Ein Blick in die Noten bestätigt den Eindruck der Gegensätzlichkeiten: klare Zählzeiten und unspektakulär fließende Melodie im Refrain, zerhackte Passagen mit großen Tonsprüngen in den Strophen.

Bis auf Takt sechs unterscheidet sich die zweite Strophe komplett von der ersten – ein höchst ungewöhnlicher Vorgang. Praktisch kein Top-40-Hit im Formatradio kann sich eine derartige Varianz innerhalb weniger Sekunden leisten.

Die Melodieführung wird in der zweiten Strophe noch komplizierter, auch die Reimstruktur ändert sich. Erst ab dem ersten Teil der zweiten Hälfte entwickelt sich aus all den Versatzstücken doch noch eine griffige Phrase („… face on a lover with a fire in his heart …“), die so viel harmonisches Potenzial besitzt, dass sie später in den Refrain eingearbeitet wird.

„Last Christmas“ gehört zu jenen Werken, die Musikwissenschaftler als „durchkomponiert“ bezeichnen – ein Lied, dessen innere Stabilität nicht nur auf Wiederholung begründet ist, sondern das sich durch motivisch-thematische Arbeit weiterentwickelt.

Genau genommen reiht sich der Komponist George Michael ein bei den großen deutschen Songwritern des 19. Jahrhunderts, Franz Schubert und Johannes Brahms. Ihre Kunstlieder konnten trotz bisweilen banalster musikalischer Keimzellen höchste intellektuelle Ansprüche erfüllen.

Wham! hat bei „Last Christmas“ jedenfalls einiges richtig gemacht, denn der Song schafft es jedes Jahr wieder in die Charts. Ob geliebt oder gehasst, „Last Christmas“ ist ein musikalisches Meisterwerk.

Gefunden über: welt.de, Bild via youtube.com

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