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So einfach

Weniger ist mehr – das japanische „MA“

Von Sandra Geppner am 4. April 2013

Wo zu viel ist, kann nichts herausragen. Im Durcheinander verliert auch Wertvolles seinen Wert. Das japanische Konzept „MA“ stellt die Leere dar, welche voll von Möglichkeiten ist. Diese ermöglicht es Dingen, herauszustechen und Bedeutung zu erlangen. MA ist Minimalismus, der sich nicht auf Materielles beschränkt. MA ist die Pause beim Sprechen, die Wörtern erst ihre Bedeutung gibt. MA ist der innere Frieden, den wir brauchen, um unseren Gedanken Raum zu geben und sie gedeihen zu lassen.

minimalistisch eingerichteter Tatami-Raum in Japan

Heutzutage haben wir oft das Gefühl, nicht die Zeit zu haben, Dinge vollständig und richtig zu erledigen. Doch egal, wie wenig Zeit wir für eine bestimmte Aktivität haben, es muss einen bewussten Anfang und auch ein bewusstes Ende geben. Denn sonst kommt uns unser Leben wie eine Aneinanderreihung von unbedeutenden Dingen vor, die wie ein schlechter Schulaufsatz ohne Punkt und Komma bedeutungslos dahinfließt. Erst Absätze und Pausen machen diesen Aufsatz zu einem gewichtigen, interessanten Text. Von der japanischen Kultur können wir dahingehend viel lernen.

In Japan ist MA überall zu finden – in der Architektur, der Gartengestaltung, der Musik, der Dichtung und auch im Verhalten. Von klein auf lernen Japaner und Japanerinnen nämlich, beim Verbeugen bewusst kurz inne zu halten, um dieser Geste genug MA zu verleihen, ohne dem die Verbeugung keine Bedeutung hätte. Teepausen finden in Japan grundsätzlich in ruhiger Atmosphäre statt, da die Gelassenheit des MA der Pause erst ihren Sinn gibt. In der japanischen Kunst kommt dem sogenannten Negativraum große Bedeutung zu, denn erst MA verleiht dem Bild Tiefe und eine bestimmte Stimmung. MA ist also der Kern jeder Sache, ob es sich nun um Mauern, Essen oder Gespräche handelt.

Wenn Du also das Gefühl hast, von zu viel Gerümpel umgeben zu sein, dann heißt das nicht unbedingt, dass eine zu große Zahl an Dingen um Dich herum ist, sondern viel eher, dass Du zu wenig MA hast. Weniger ist nunmal mehr. Die Leere als etwas Positives, ja Essenzielles, zu schätzen zu wissen und in unserer Zeit des Anhäufens die wenigen bedeutsamen Dinge zu erkennen, ist der Weg zu einem ausgeglichenen Leben.

via: Wawaza, Bild: flickr/TANAKA Juuyoh

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