Abend der großen Stimmen: Gréco und Gardot in der Oper
Alljährlich im Juli öffnet das traditionelle Wiener Opernhaus seine Pforten für die internationalen Größen eines ganz anderen Genres: Das Jazz Fest Wien lädt auch diesen Sommer wieder zu einigen Abenden in die Staatsoper und steht dem Staraufgebot der vorangegangen Jahre um nichts nach. Lag der Schwerpunkt im letzten Jahr mit Omara Portuondo und dem Orquestra Buena Vista Social Club eindeutig auf lateinamerikanischem Jazz, so beherbergt das Operhaus diesen Sommer gleich zwei internationale Jazzgrößen an einem Abend. Am 1. Juli 2010 wird zu Beginn die US-amerikanische Sängerin Melody Gardot die Bühne betreten. Gardots Album „Worrisome Heart” schlug 2008 hohe Wellen bei Publikum und Kritik und brachte ihr 2009 eine Echo-Nominierung ein. Auch ihr zweites Album „My One and Only Thrill” ist bestückt mit gehaltvollem Klang, sowohl aus eigener Feder, wie auch in Form von Interpretationen. Gardot schreibt den Großteil ihrer Werke selbst, verfügt über eine verführerische Stimme und versucht sich gekonnt an gewagten Improvisastionen auf der Bühne.
Diese Karriere erscheint umso erstaunlicher, wirft man einen Blick auf Gardots Vergangenheit. 2003 wurde die damals 18-jährige in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt und verbrachte ein Jahr auf der Intensivstation. Dieses Ereignis wirkt bis heute nach. Gardot trägt dunkle Brillen aufgrund von Lichtempfindlichkeit, sie leidet unter Migräne und geht am Stock. Doch partout die Zeit nach dem Unfall war entscheidend für ihren weiteren Lebensweg. Im Zuge ihrer Rehabilitation mit Musiktherapie entdeckte sie ihre Liebe zum Jazzgesang und entschied sich für ihr heutiges Tun.
Nach Gardot betritt eine nahezu historische Größe der französischen Musikszene die Bühne: Juliette Gréco, die schwarze Rose von St. Germain. Sie ist eine der bedeutendsten Chanson-Sängerinnen Frankreichs und steht in enger Verbindung mit der Geschichte ihres Landes. Gréco erlebte eine leidvolle Jugend unter der Herrschaft der Nationalsozialisten, die ihre Mutter und Schwester ins KZ brachten. In der Folge wandte sie sich der linken Szene Paris’ zu und verkehrte mit Philosophen und Dichtern wie Jean-Paul Satre und Jaques Prévert.
Grécos Auftritte sind von jeher von spartanischer Inszenierung geprägt, die sich rein auf ihre stimmlichen Klangdimensionen konzentriert. Die über 80-jährige hat im Laufe ihres Lebens an die 50 Chansonalben veröffentlicht und in ihren bald 70 Jahren auf der Bühne eine Reihe von namhaften Künsterlinnen und Künstlern für sich schreiben lassen. Grécos jüngste Werke die Alben „Le Temps d’une Chanson“, „Aimez-Vous les Uns les Autres” und „Je Me Souviens de Tout“, die wohl auch bei ihrem Auftritt in Wien Teil des Programms sein werden, bieten einerseits pompöse Arrangements mit großen Jazzorchestern, deren Stil weit in die Vergangenheit zurückreicht und andererseits moderne Kompositionen junger Musikerinnen und Musiker in kargem melodischem Milieu, die einzig Grécos Stimme in den Mittelpunkt der orchestralen Anordnung rücken.
via: Jazz Fest Wien


