Das heimische Quartett 78plus verbringt viel Zeit mit dem Hören von alten Schellacks - dem Vorläufer der Vinylschallplatte - aus den 1920ern bis hinein in die 1950er Jahre, extrahiert aus diesen einzelne Klänge oder Akkorde und bastelt daraus, durchmischt mit einer Prise Elektronik, zeitgemäße und zumeist tanzbare Musik im Spannungsfeld zwischen Pop, House, Drum & Bass, Chanson, Swing und Jazz. LoungeFM hat die vier zum Interview gebeten und dabei einiges über Schellacks und die Arbeitsweise der Ästhetiker erfahren.

78plus

LoungeFM: Alte Schellacks sind die Ausgangsbasis für Eure musikalische Arbeit, alte Schlagerklänge die Grundlage Eurer Stücke. Wie seid Ihr denn auf die Idee gekommen, damit zu arbeiten?

78plus: Als Elektroakustiker ging es uns anfangs primär um den Klang der Schellacks, um die Beschäftigung mit dem Medium an sich, insbesondere im Kontrast zu digitaler Bearbeitung. Allein schon die tausenden verschiedenen Arten von Rauschen und Knistern - ein Traum für jeden Klangtüftler! Erst durch die Beschäftigung damit wurde uns bewusst, was für eine Welt an Musik sich da auftat: Nicht nur die Entstehung des Jazz, sondern die Entstehung der Popularmusik überhaupt wurde plötzlich nachvollziehbar. Außerdem hat die Schellack durch ihre auf circa drei Minuten begrenzte Spieldauer pro Seite bis heute das Format des Songs geprägt.

LoungeFM: Wie kommt der Schlager in Eure Stücke? Verbringt ihr eure Tage damit, euch durch alte Schellacks zu hören?

78plus: Teilweise ist das tatsächlich so, allerdings passiert das oft ein bisschen unbewusst, da wir die Schellacks schon digitalisiert haben und dann einfach auf CD oder im Mp3-Player durchhören. Dabei sticht immer wieder etwas Besonderes ins Ohr, das sich samplen lässt. Oft ist das nur ein einzelner Klang oder Akkord, manchmal eine kurze Phrase oder ein Groove, aber nie eine komplette Melodie. Letzteres würde unserer Ethik des Samplens widersprechen, wir wollen ja etwas Eigenständiges komponieren.

LoungeFM: Wie bezeichnet Ihr denn die Musikrichtung, die Ihr da kreiert habt?

78plus: Der Grundkontext, in dem unsere Musik entsteht, liegt irgendwo zwischen Pop, House, Electro, Drum & Bass, Chanson, Swing und Jazz. Wer will, kann Pop dazu sagen.

LoungeFM: Hört man sich Eure Stücke an, merkt man, dass auch die Texte eine Mischung aus Altem und Neuen sind. Gibt es eine inhaltlich verbindende Klammer, wollt Ihr mit euren Texten etwas ausdrücken?

78plus: Unserer Meinung nach sollten diejenigen, die Texte schreiben, auch etwas zu sagen haben. Zwar ist der Klang der Worte genauso wichtig, aber eine gewisse Aussage ist immer vorhanden, sei sie auch noch so abstrakt. Beim ersten Album „Im Denkturm” ging das mehr in eine politisch-sozialkritische Richtung, beim zweiten Album „Wandelwelt” gab es sogar ein Thema, das sich durch alle Stücke zog, nämlich das Verhältnis von Mensch und Technik.

LoungeFM: 2008 ist Euer bis dato letztes Album „Wandelwelt” erschienen, wann kann man mit neuem Material rechnen?

78plus: Da sind wir gerade dran! Es gibt zwar noch keinen genauen Masterplan, aber wir werden 2010 definitiv etwas herausbringen. Was genau das sein wird, entscheidet sich noch.

LoungeFM: Aktuell steuert Ihr die Musik zu dem Theaterstück „Welche Krise?” des aktionstheater ensemble bei, das im März auch in Wien im 3raum - Anatomietheater gezeigt wird. Könnt Ihr uns kurz umreißen, worum es in diesem Stück geht?

78plus: In „Welche Krise?” geht es um das Gelingen und Scheitern von Lebensentwürfen. Die Schauspielerinnen erzählen aus ihren Biografien, im Verlauf des Stücks wird unversehens eine Handlung erkennbar. Unsere Musik ist keine bloße Untermalung, sondern treibt diese Dramaturgie voran, indem wir nicht einfach Zwischenmusik einstreuen, sondern Teil der Handlung sind.

Das gesamte, ausführliche Interview lesen Sie hier.

78plus hier zum Reinhören und Downloaden:
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Bild: (c) Florian Auer

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